Gastredner in der Universität Kairo

Kaum zu glauben, doch Aktivitäten von uns werden auch von Ägyptern verfolgt. Ein ganz besonderes Erlebnis hatte Andreas, der seine Geschichte hier erzählt:

Am 1.4. erhielt ich über Facebook eine Einladung, am 4.4. als Gastredner in die Universität Cairo zu kommen.   Mohamed Bassiouny  war mir völlig unbekannt und wir hatten auch keinerlei gemeinsame Freunde. Da mein Profil nur für Freunde und deren Freunde zu finden ist,  überraschte mich das sehr und ein Aprilscherz, der auch in Ägypten Tradition hat, lag nahe.

Mohamed Bassiouny

Der Einladende stellte sich als Ahmed Bassiouny , president of international affairs of Egyptian youth Movement called „تحيا مصر“ vor und lies nicht locker. Auf Nachfrage, um welches Thema es sich handelte, weckte er mit  den Inhalten „Ausländische Investoren und Tourismus“ mein Interesse, da ich in beiden Gebieten persönliche Berührungspunkte in meiner Wahlheimat  Ägypten habe. Seine Intention lag darin, von einen deutschen Investor ein Statement auf der Konferenz vorgetragen zu bekommen, über persönlichen Erfahrungen und Eindrücke, positives wie auch negatives,  über das Leben in Ägypten. Selbstverständlich sind Verbesserungsvorschläge erwünscht. Meine Redezeit wäre ca. 20 Minuten.

Uff…..jetzt hatte ich eine Hausaufgabe.  Ein mulmiges Gefühl beschlich mich aus zwei Gründen:

  1. Will ich wirklich eine Rede mit Pro und Kontra über das Gastland, in dem ich lebe, halten, in der auch noch Verbesserungsvorschläge von mir erwartet werden?
  2. Wenn ich mich dazu entschließe, sind zwei Tage Vorbereitungszeit für Konzept, Überprüfung der Inhalte und die Rede selbst zu üben, verdammt kurz.

Warum passieren solche Dinge immer, wenn die Partnerin auf Kurzurlaub ist? Ich involvierte Astrid via Internet. Natürlich bestärkte sie mich darin, diese Chance wahrzunehmen. Wenn sie schon nicht mitkommen konnte, da sich ihr Rückflug von Doha über Kairo zeitlich genau mit dem Treffen überschnitt, wollte sie das Konzept übernehmen.  Ich nahm die Einladung an. Dass er es tatsächlich amtlich beschlossen und verkündet war wurde mir nach 30 Minuten klar, als ich auf der Facebookseite der Uni mein Bild mit meiner Ankündigung entdeckte.

Einladung

Da wir uns in den wesentlichen Dingen immer einig sind und auch ziemlich gleich ticken, reichte ein kurzes Telefonat, in dem wir uns über den Kern der Aussagen austauschten. Meine „Ghostwriterin“ mailte mir innerhalb weniger Stunden ein Handout hatte, dass ich mit ägyptischen Freunden gegenlesen konnte. Das Konzept war in sich schlüssig so dass ich an der Rede nur noch ein paar persönliche Ergänzungen machte.

Neben den schönen Seiten von Ägypten, die der Grund der Touristen und Residenten sind, dieses Land zu lieben, folgten wir auch der Aufforderung, die Punkte anzusprechen, die von Deutschen anders als von Ägyptern bewertet werden: unklare Visumsregelungen, unsensibles Verhalten von Shopbesitzern, Müllsituation oder die Bauruinen. Doch eine Message war lag uns am Herzen, anzubringen: Ägypten braucht neue Arbeitsplätze, die Tourismusunabhängig sind, besonders in den ländlichen Gegenden. Dafür nennen wir Beispiele, wie eigene Ressourcen genutzt werden könnten und Möglichkeiten Investoren zu interessieren.  Ich habe die Inhalte noch mit deutschen und ägyptischen Freunden besprochen, die unsere Meinung bestätigten.

Gut vorbereitet und mit ausgedruckter Rede in der Aktentasche gerüstet ist das Bauchweh etwas weniger geworden. Wie immer waren wir ein gutes Team. Doch wir sind auch beide bekannt für Verlieren, Suchen und irgendwann einmal Wiederfinden, daher habe ich die Rede sicherheitshalber auch per Email auf mein Handy geschickt.

Tatsächlich gibt es zwischen Deutschland und Ägypten auch Parallelen: Extra Kosten müssen beantragt und genehmigt werden. Eigentlich sollte für mich ein Flug gebucht werden. Diese Prozedur der Beantragung dauerte so lange, dass alle morgentliche Flüge nach Kairo ausgebucht waren. Die Alternative war ein Limousinen Service,  der mich am 4.4. zur unchristlichen Zeit fünf Uhr morgens abholen und nach Kairo bringen würde. Da an Schlaf sowieso nicht zu denken war, saß ich pünktlich in dem Wagen und dann wurde mir erst richtig klar: Jetzt wird es ernst!

Fahrer

Über die Wichtigkeit der Rede war ich mir sehr wohl bewusst, denn ich wusste, dass ägyptische Industrielle, wie Ahmed Abou Hashima, Politiker, Presse und viele interessiere junge Studenten im Publikum bzw. als Redner da sein würden.

redner und präsident
Die Gastfreundschaft macht auch nicht vor einem wichtigen Termin in der Universität halt. Bevor wir in die heiligen Hallen der UNI fuhren,  holten wir unseren Freund Mohamed ab, der sich zufällig in Kairo aufhielt und mich begleiten würde und wurden dann zusammen in ein schönes Restaurant am Nil zum Frühstück eingeladen. Dort erwarteten mich bereits zwei junge Studenten Ahmed Gewida und  Mohamed Nabawee  aus dem Orga-Team, die ab jetzt auch an meiner Seite blieben.

Andreas Mohames Nabawee
Ab der Einfahrt auf das Unigelände, lautete das Losungswort beim Security für den Durchlass „Mr. Andreas“. Mein Adrenalinspiegel stieg nun doch mehr, als mir lieb war. Wir erreichten nach einigen Metern das Gebäude, in dem die Konferenz stattfand.

the dome university cairo

Dieses Gebäude wird „The Dome“ genannt und weiter erklärt man mir, dass dort bereits alle Größen dieser Welt aus Wirtschaft und Politik gesprochen haben. Zum Adrenalin stieg jetzt auch der Blutdruck. Reden, Präsentationen und Schulungen vor Publikum waren mir nicht fremd, doch immer fachbezogen auf Hotellerie und ausschließlich vor Kollegen. Wieder stellte ich mir in Gedanken die Frage, welche Auswirkungen doch das Internet hatte und warum gerade ich, der eher unbedeutend für die Wirtschaft und den Tourismus bin,  zu einer solchen Veranstaltung eingeladen wurde. Doch jetzt war ich da und dachte mir: „Augen zu und durch“. Es ist eine tolle Chance und eventuell knüpft man gute, neue Kontakte. Und die sind Gold wert – auf der ganzen Welt!!

Eskortiert von Security und den Studenten aus dem Orga-Team fühlte ich mich wie ein bedeutender Staatsmann. Ich wurde in das Gebäude geleitet, durch den vollbesetzten Veranstaltungssaal, der nicht wie erwartet, einige hundert Zuschauer fasste, sondern mindestens mit 1000 erwartungsvollen Studenten besetzt war,  in einen Nebenraum.

Saal

Dort reichte man Getränke und ich versuchte erst einmal diesen Schreck zu verdauen, als man mich mit der nächsten Planänderung konfrontierte. Der Professor, der meine in Deutsch vorbereitete Rede simultan übersetzen sollte, leider verhindert war. Zu meinem Adrenalinspiegel zu diesem Zeitpunkt brauche ich mich nicht weiter äußern.
Die alternative Lösung hieß, zwei ägyptischen Studenten mit Fachrichtung Germanistik mein Script auszuhändigen, die dieses jetzt schnell ins Arabisch übersetzen würden. In meinem Kopf klingelten nun die Alarmglocken. Ich habe 20 Minuten Redezeit, die ich natürlich ausgereizt hatte, ohne Pause mit Simultanübersetzung. Nun sollten die Studenten das 17 seitige Skript innerhalb kürzester Zeit, hoffentlich sinngemäß, übersetzen und bei der Rede müsste ich nach jedem Absatz eine Pause für die Übersetzung machen – das kostet Zeit!! Doch eine andere Möglichkeit hatten wir nicht.

Es waren drei Reden geplant, mit mir. Um Zeit für die Übersetzung zu gewinnen, wurde meine Rede auf den letzten Programmpunkt verschoben. Die Studenten begannen, meine Rede zu übersetzen. Sie taten mir aufrichtig leid und ich beteuerte mehrmals, das dies anders geplant war und ich keinen Einfluss darauf hatte. Die beiden merkten natürlich dass ich nervös war und versuchten mich, bei allem eigenen Stress und Nervosität, zu beruhigen.
Nun musste ich die Übersetzer ihrem Schicksal überlassen und wurde in die Veranstaltungshalle geführt. Man stellte mir den Präsident der Universität, die Ehrengäste und Mitredner vor. Ich nahm meinen Platz in der zweiten Reihe ein und versuchte dem Geschehen zu folgen ohne permanent an alle möglichen Pannen des Übersetzens zu denken. Wie  immer bei offiziellen Anlässen wurde zu Beginn die ägyptische Nationalhymne gespielt. Alle Anwesenden erhoben sich, am Ende unterstrich das Publikum mit kräftigen Applaus  ihren ganzen Stolz akustisch.

hymne
Leider habe ich von den beiden Vorrednern, Dr. Ashraf Sobhy und Abou Hashima fast nichts verstanden, da die beiden Plätze neben mir für die jungen Studenten, die mir die Vorträge übersetzen hätten können, leer waren.

Meine Unterstützer kämpften noch mit meiner Rede. Nun konnte ich an der Situation eh nichts mehr ändern, deshalb wurde ich auch zusehend ruhiger und versuchte mit meinen drei Brocken arabisch ein paar Fetzen der Rede zu verstehen. Der Aufbau der Rede war wohl in der gleichen Art, wie meine Vorgaben gewesen waren: Vorstellung der eigenen Vita, welche Erfahrungen man hat, wie man Ägypten unterstützt.

Nach einer halben Stunde kamen die beiden Studenten und setzten sich rechts und links neben mich. Einzelne Passagen der Reden wurden mir jetzt übersetzt. Noch eine musikalische Einlage, dann wurde ich angekündigt. Zusammen mit meinen Übersetzern ging ich auf die Bühne und zu meiner eigenen Überraschung, wurde ich nach den ersten Worten meiner Vorstellung ruhig.

Andreas und Übersetzerteam
Andreas und Übersetzerteam

Als meine Passage übersetzt war, in der ich erklärte, dass wir uns in das Land verliebt hatten, bekam ich begeisterten Zwischenapplaus. Es ist für Ägypter nicht zu verstehen, wie man aus dem geordneten Europa weggehen kann. Absatz für Absatz trug ich die Komplimente und Verbesserungsvorschläge vor, die dann übersetzt wurden.  Es kam, wie es kommen musste, meine Rede sprengte, dadurch den zeitlichen Rahmen. Jetzt wurden zur Abwechslung die anderen nervös und zeigten mir mit dem Finger auf deren Uhr an, dass ich mich kürzer halten soll. Wie soll ich während dem Vortragen eine Rede kürzen ohne den Zusammenhang zu zerreißen? Wie sollte ich meinen Übersetzern auf der Bühne neben mir signalisieren, was ich weglasse und sie entsprechend weniger übersetzen sollten?? Doch durch diese Situation ließ ich mich nicht aus der Ruhe bringen und dachte nur, da müsst IHR jetzt durch. Unbeirrt fuhr ich fort und habe nur wenig gekürzt.

Als mein Schluss übersetzt wurde:

„Wir sind hier, weil wir Ihr Land lieben, helfen Sie uns, dass es so bleiben kann.

Und die Ägypter sind ein besonders stolzes Volk. Nutzen sie diese Ressourcen, damit wir uns alle weiterentwickeln können! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“,

bekam ich durch starken Applaus und begeisterten Rufen die Bestätigung der etwa 1000 Studenten.

Die Zuhörer hatten alle einen äußert interessierten Eindruck auf mich gemacht, besonders bei Informationen über Deutschland und den Beweggründen, als Deutscher nach Ägypten auszuwandern und zu investieren. Die geplante Fragerunde danach fiel dann leider mangels Zeit aus.

Ich war tief bewegt, dass ich so viele junge interessierte, intelligente, motivierte und disziplinierte Menschen dort angetroffen habe und würde mich sehr freuen wenn ich zusammen mit meiner Frau doch die Gelegenheit dazu bekommen würde, bei einem Dialog die Einstellung, Ideen und Visionen dieser jungen Menschen kennen lernen zu dürfen. Schließlich sind sie es, die Zukunft des Landes mit gestalten müssen, und so wie ich es jetzt einschätze, nach dem ich einige kennen gelernt habe, dieses auch wollen!!

Als ausländischer Residenter in HURGHADA, einem reinen Ferienort am roten Meer ohne ein weiteres, wirtschaftliches Standbein, lernt man nur eine kleine Facette von Ägypten kennen und das noch mit der rosaroten Urlaubsbrille. Umso mehr haben mich die jungen Studenten mit deren Wissensdurst, guter Bildung und besten Umgangsformen nachhaltig beeindruckt! Wenn man diese Menschen ernst nimmt und die Ideen und Lösungsvorschläge anhört und aufnimmt, sind gute Weichen für die Zukunft gestellt.

Mohamed bassioundy

Nach der Veranstaltung waren alle etwas entspannter, deshalb wurde mein Wunsch nach einer Shisha lachend erfüllt. Wir fuhren an den Nil wo man mich zu einem Tee mit Shisha einlud und die Zeit für eine Nachbesprechung nutzte. Auch hier beeindruckte mich wieder die Gastfreundschaft und Höflichkeit der jungen Menschen.
Total übermüdet setzte ich mich in den Wagen meines Fahrers und wir starteten die Heimfahrt gegen 20.00 Uhr abends. Sicher kam ich gegen halb zwei zu Hause an.

Fahrer

Ein anstrengender, aber wahnsinnig interessanter Tag mit vielen positiven Eindrücken ging zu Ende und im Nachhinein war ich froh,  diese Einladung angenommen zu haben!

Ich bin fest davon überzeugt, dass Ägypten jedes Potenzial hat, wieder auf die Füße zu kommen. Der Weg dorthin wird schwer sein ist jedoch machbar. Es gibt größere und kleinere Baustellen, die abgearbeitet werden müssen. Ich wünsche gerade der jungen Generation weiterhin die Ausdauer und Hartnäckigkeit um es zu schaffen, im Land friedvoll ökologisch und wirtschaftlich vorwärts zu kommen.

8 Gedanken zu „Gastredner in der Universität Kairo“

  1. Lieber Andreas
    Danke für diesen Vortrag, danke das du auch unsere Sichtweise ,unsere Nöte aber auch unsere Liebe für dieses Land betont hast ,besonders wichtig finde ich , das du auch aus der Sicht der Deutschen Residenten und Auswanderer den Ägyptischen Studenten und Zuhörern deines Vortrags dieses nahe bringen konntest. Wir , die Residenten und Auswanderer sind nur hier weil wir dieses Land und Ihre Menschen Lieben,und uns hier wohl fühlen Menschen wie du, Andreas und Astrid die Investieren in dieses Land und auch die Rentner,und Auswanderer die hier Leben und durch ihre Investitionen des täglichen Lebens die Ägyptische Wirtschaft stützen , tragen nicht unerheblich dazu bei Ägypten mit auf zu bauen . Mein Wunsch für die Zukunft ist : lasst uns zusammen stehen für ein starkes Ägypten,Gott helfe uns dabei.

    1. Lieber Harald, ja wir bleiben, so lange es uns gefällt und wir uns wohlfühlen. Das ist der große Unterschied, wir dürfen, müssen nicht!

  2. Während jedem Aufenthalt in Ägypten treffen wir junge Menschen mit beeindruckendem Wissen! – Zuletzt ein Nachmittag in der Wüste, unser begleitender Guide mit schwäbischen Akzent – er war nie in Schwaben – verblüffte mit deutscher Geschichte!
    – Verliebt in das Land! Und ich verneige mich vor diesen jungen Menschen!

  3. Hallo Andreas (und Astrid) 😉
    ich kann echt nur meinen Hut ziehen und Chapeau sagen !!!
    Hast Du (ihr) super gemacht !
    Wollen wir hoffen, dass die „junge“ Generation die diversen Möglichkeiten, die sie ja zweifelsohne haben!, umsetzen werden und können!

  4. Deine Ansichten treffen und bringen es auf den Punkt Ägypten ist ein wunderbares Land mit einer liebenswerten Kultur die ja auch bekanntermaßen viel älter ist als die unsere . Mit Sorge verfolgen wir alle Nachrichten aus Ägypten und hoffen das es der Bevölkerung gelingt nicht in den Terror abzurutschen . Wir als einfache Touristen werden durch unsere Urlaubsplanung solange es geht fliegen damit es gelingen möge .

    1. Danke Rother, ich glaube es gibt in Europa mindestens genauso viele gefährdete Jugendliche, die in den Terrorismus oder andere gefährliche Extreme rutschen können. Das einzige was hilft, der jungen Generation Aufgaben zu geben und ihnen die Möglichkeit zu lassen, sich entwickeln zu dürfen.

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